
Klaus Süllow (KS): Erzhausen ist zwar schuldenfrei, aber Geld fehlt trotzdem an allen Ecken und Enden. Die Grundsteuer ist an der Grenze der Zumutbarkeit. Welche Zukunft hat Erzhausen unter diesen Umständen?
Max Wolf (MW): Eine Stammtischantwort lautet: Alle freiwilligen Leistungen streichen, dann weiterschauen.
KS: Das würde bedeuten: Bürgerhaus, Ortsmuseum, Bücherei schließen und verkaufen. Kinder- und Jugendarbeit, Seniorenarbeit beenden.
MW: Und keine Sportförderung, keine Vereinsförderung mehr. Und auch keine juristische Beratung bei der Gegenwehr gegen Cindy-S. Denn auch das ist eine freiwillige Leistung.
KS: Das klingt gruselig. Immerhin bleibt der Friedhof, der ist eine Pflichtleistung…
MW: Wenn man sich das vor Augen führt, sieht man sehr schnell: Kaputtsparen ist für die Erzhäuser GRÜNEN der falsche Weg. Aber ich frage mich schon, wie es dann gehen kann? Zum Beispiel das Bürgerhaus. Dort haben wir einen Sanierungsstau von ca. 7 Mio €. Der Vorschlag „Abreißen und für Wohnbebauung verwenden“ ist daher leider nicht aus der Luft gegriffen.
KS: Zufällig gab es vor 10 Jahren exakt diese Situation in Egelsbach. Da wollte die Gemeinde in finanzieller Notlage den Eigenheim-Saalbau abreißen und bebauen lassen. Dagegen gab es ein Bürgerbegehren: 80% der Bevölkerung stimmten für den Erhalt des Eigenheims.
MW: Gut möglich, dass eine Abstimmung in Erzhausen so ähnlich liefe. Unser Bürgerhaus ist beliebt und viel genutzt. Allerdings druckt ein Abstimmungserfolg noch kein Geld…
KS: Richtig, aber die Egelsbacher Geschichte geht ja noch weiter. Es bildete sich ein Bürgerverein, der das Eigenheim von der Gemeinde gepachtet hat und sich nun drum kümmert. Vor allem aber: Viele Sanierungsarbeiten hat der Verein in Eigenleistung erbracht. Das hat die Sanierungskosten deutlich gesenkt. Mit Erfolg: Das Eigenheim ist heute wieder lebendiger Mittelpunkt des Ortes.
MW: Ein Modell auch für Erzhausen? Der Vergleich Egelsbach – Erzhausen hinkt immer etwas…
KS: Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. So unterschiedlich sind die beiden Gemeinden nicht, auch wenn das im Karneval diesseits und jenseits des Heegbachs anders gesehen wird. Erzhausen ist in einer schwierigen Lage. Starkes und vor allem zielgerichtetes Bürgerengagement kann uns hier entscheidend helfen.
MW: Mit dem Bürgerhaus sind wir kein Einzelfall. Viele Gemeinden sitzen auf einem riesigen Investitionsstau. In ganz Deutschland gibt es einen kommunalen Investitionsstau von über 150 Milliarden Euro – bei Straßen, Schulen, Bürgerhäusern oder Sportanlagen. Das zeigt: Unser Problem ist kein Erzhäuser Sonderfall, sondern Teil eines größeren Systems.
KS: Dazu kommt, dass uns mittel- und langfristig der Klimawandel teuer zu stehen kommen kann. Das trifft besonders auf Erzhausen zu, denn das Rhein-Main-Gebiet ist eine der wärmsten Regionen Deutschlands. Es wird heiß. Jetzt im März ist das angenehm, im Hochsommer aber gesundheitsschädlich. Begrünung, Entsiegelung und Ähnliches sind nötig. Das gibt es nicht gratis.
MW: Es mag paradox klingen, aber für die Gemeindefinanzen ist das nicht so schwerwiegend. Denn viele dieser Maßnahmen werden durch Fördermittel von Bund und Land unterstützt. Diese müssen wir natürlich herauspicken und nicht liegen lassen. Vor allem aber: Den Ort umsichtig entwickeln und nicht noch mehr Probleme schaffen. Neue Baugebiete bedeuten zusätzliche Versiegelung. Da sollten die GRÜNEN auf die Bremse treten.
KS: Und zwar auch aus finanziellen Gründen. Ich kenne bis heute keine Gesamtkalkulation des Baugebietes „Vier Morgen“. Wir wissen schlichtweg nicht, wie sich das Baugebiet auf die Gemeindefinanzen auswirkt.
MW: Ich habe die starke Vermutung, dass wir mit Vier Morgen unterm Strich eher schlechter dastehen. Zusätzliche Infrastruktur, Kitas, größere Feuerwehr – das muss ja alles bezahlt werden. Ein Punkt wird halt oft vergessen: Neue Baugebiete bedeuten auch neue Infrastruktur.
KS: Auch deswegen macht es wenig Sinn, weitere Wohnbaugebiete, zum Beispiel im Südwesten der Gemeinde zu öffnen. Besser sieht es aus, wenn wir an Innenentwicklung – also die Schließung von Baulücken – denken. Straßen, Kanalisation – da ist schon vieles vorhanden. Deshalb ist Nachverdichtung oft deutlich günstiger als neue Baugebiete auf der grünen Wiese.
MW: Wenn man dabei darauf achtet, dass Kaltluftschneisen erhalten bleiben, also nicht alles zugebaut wird, ist das ein vernünftiger Weg. Nachverdichtung hat auch den Vorteil, dass Erzhausen ein Ort der kurzen Wege bleibt. Vieles im Ort lässt sich zu Fuß oder mit dem Rad erledigen. Das bliebe so.
KS: Genau. Wenn Nahversorgung, Ärzte, Bäcker oder Supermärkte im Ort bleiben, spart das Verkehr, Zeit und Geld. Deshalb müssen wir darauf achten, dass dieser Teil der Infrastruktur erhalten bleibt.
MW: Nur bei Gewerbegebieten funktioniert das nicht per Nachverdichtung, da können wir aber zusätzliche Gewerbeflächen am Südrand der Gemeinde hinterm Aldi ausweisen – vier Hektar sind da möglich.
KS: Gewerbe ist aber auch kein Wundermittel gegen Finanznot. Im gewerbesteuerstarken Weiterstadt hat sich jetzt ein Finanzloch von 12 Mio € aufgetan.
MW: So gesehen geht es uns ja noch gut. Aber im Ernst. Mit unseren Problemen stehen wir nicht alleine. 80% der hessischen Städte und Gemeinden sind im Defizit. Das sind keine Einzelfälle, das hat System. Und kann auf Dauer so nicht funktionieren. Ein Beispiel: Der Bundestag beschließt vor längerer Zeit, dass Kitaplätze für alle Kinder bereitstehen müssen, was ich richtig finde. Aber bezahlen müssen das dann die Gemeinden aus der Grundsteuer, die deshalb natürlich steigt. Und das ist nicht richtig.
KS: Also nicht kaputtsparen, sondern darauf setzen, dass sich die Gemeindefinanzierung in den nächsten Jahren ändert.
MW: Nicht nur hoffen, auch machen. Die Gemeinde braucht auch neue Einnahmequellen. Ein Beispiel ist Bürgerenergie. Viele Gemeinden verdienen heute Geld mit Solar- oder Windprojekten, an denen sich Bürger beteiligen können. Auch Erzhausen sollte prüfen, welche Möglichkeiten es hier gibt. Windprojekte sind bei uns nicht möglich, wegen der Flugzeuge. Aber ein Solarpark mit Agri-PV, d.h. die Kombination von Landwirtschaft und Solarenergie auf einer Fläche, hinten an der A5 – warum nicht?
KS: Ja, nur diese Herangehensweise macht Sinn. Im Grunde machen das alle Kommunen in Hessen so. So hat Erzhausen Zukunft.
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