Erzhäuser GRÜNE über den Bücherbahnhof – ein Gespräch mit Sven Harth und Julia Sipreck

Ein altes Bahnhofsgebäude am Ortseingang: Der denkmalgeschützte Bücherbahnhof fällt sofort ins Auge, vor allem wenn man mit der S-Bahn in Erzhausen ankommt. Sven Harth und Julia Sipreck sprechen über das Innenleben des Bücherbahnhofes.

Habt Ihr eigentlich einen Leseausweis?

Julia Sipreck (JS): Ja, und ich bin da in guter Gesellschaft. Über 1.000 Erzhäuserinnen und Erzhäuser haben ebenfalls einen Leseausweis. Und ich finde es überraschend, was einem für einen so geringen Betrag geboten wird: Für etwa ein Euro im Monat stehen 20.000 Medien, also Bücher, Zeitschriften und digitale Medien zur Verfügung. Da braucht mal viel Zeit, um dies alles nutzen zu können. Für Kinder und Jugendliche ist die Nutzung sogar kostenfrei. Das ist ein gutes Beispiel für ein Bildungsangebot für alle, völlig unabhängig vom Einkommen.

Sven Harth (SH): Sehr praktisch ist auch die Onleihe. 24 Stunden am Tag können E-Books ausgeliehen werden und man ist nicht mehr auf die Öffnungszeiten angewiesen.

Was hat die Bücherei mit Bildung zu tun?

SH: Oft kennen Familien den Bücherbahnhof bereits, bevor die Kinder in die Schule kommen, weil sie schon Bilderbücher ausleihen. Oder sie haben beim Lesestart 1-2-3, einem bundesweiten Programm zur frühen Sprach- und Leseförderung für ein- bis dreijährige Kinder mitgemacht. Alle Erstklässler erhalten zum Schulanfang einen Gutschein für einen Leseausweis, der zu 95 Prozent eingelöst wird. Für Kinder im Kita- und Grundschulalter werden Lesenachmittage von ehrenamtlichen Lesepaten angeboten. Kitakinder und Grundschüler werden durch organisierte Besuche an die Welt der Bücher herangeführt und je nach Jahrgangsstufe in die selbstständige Nutzung der Bücherei eingeführt.

JS: Und sogar im Grundgesetz ist verankert, dass im Rahmen der Meinungsbildung ein Recht auf frei zugängliche Informationen für die gesamte Bevölkerung besteht. Büchereien erfüllen unabhängig von Alter, Bildungsgrad und Einkommen diesen allgemeinen Bildungsauftrag.

Kann man das alles nicht auch in Darmstadt oder Langen erledigen? Dort gibt es doch auch Büchereien?

SH: Im Bücherbahnhof, werden ja nicht nur Bücher ausgeliehen. Er ist auch ein lebendiger Begegnungsort für Erzhäuserinnen und Erzhäuser jeden Alters. Einen Kaffee erhält man dort auch und ein toller Veranstaltungsort ist er ebenfalls. Es finden neben Lesungen auch Pflanzentauschbörsen und Konzerte statt. Heiraten kann man übrigens auch in dem schönen Gebäude.

Und die Kosten? Kann sich Erzhausen so etwas eigentlich leisten?

JS: Der Bücherbahnhof kostet Geld: das Gebäude, die Bücher und das Personal. Deshalb kommen andere Fraktionen bei den jährlichen Haushaltsberatungen immer wieder auf die Idee, ihn zu schließen, um Geld zu sparen. Das halten wir für eine schlechte Idee. Abgesehen davon, dass die Kosten für das Gebäude und das angestellte Personal weiter bestünden, würde ein wichtiger Ort fehlen, an dem man sich treffen, begegnen, bilden und sich aktiv in die Gemeinde einbringen kann.

SH: Stell’ dir mal vor, es gäbe ihn nicht mehr. Was alles wegfallen würde. Der Bücherbahnhof pflegt viele Kooperationen: Mit den Kitas, der Lessingschule, der Stiftung Lesen, dem Pflegeheim und den Erzhäuser Vereinen. Wenn man sich die Berichte der Bücherei anschaut, ist es beeindruckend, wie viel hier mit sehr überschaubaren Mitteln auf die Beine gestellt wird. Wir sehen noch viele Möglichkeiten, die Angebote im Bücherbahnhof auszuweiten.

JS: Für uns GRÜNE bedeutet gutes Miteinander in Erzhausen, dass Bildung, Teilhabe und Umweltbewusstsein zusammengedacht werden. Der Bücherbahnhof muss ein offener Ort bleiben – attraktiv, flexibel nutzbar und nachhaltig finanziert. Wir setzen uns dafür ein, dass Erzhausen auch zukünftig eine Gemeinde bleibt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft eingeladen sind, gemeinsam zu gestalten.

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